Mensch und Maschine
Auf der Sortieranlage der Nemetz Entsorgung und Transport AG in Leopoldsdorf wird alles auseinanderdividiert, was der Gelbe Sack und die Gelbe Tonne so hergeben. Viele Arbeitsschritte passieren dabei automatisiert. An manchen Stationen braucht es aber auch die menschliche Arbeitskraft. Unser Redakteur Harald hat sich die Sortieranlage angesehen und selbst zugegriffen.
Während sich auf der Triester Straße stadteinwärts die ersten Anzeichen von Staubildung erkennen lassen, ist die große Wiener Einfahrtsstraße Richtung Süden komplett frei. Es ist kurz vor 6 Uhr morgens und noch komplett dunkel. Je weiter es aus der Stadt hinausgeht, desto dichter wird der Nebel. Die Straßen in Leopoldsdorf – die Viereinhalbtausend-Einwohner*innen-Gemeinde trägt ein „bei Wien“ im Namen, weil sie so nahe an der Metropole liegt – sind bis auf den Nebel ebenfalls noch recht leer. Hin und wieder kommt ein Lkw entgegen. Das angesteuerte Ziel – die Sortieranlage der Nemetz Entsorgung und Transport AG – befindet sich hinter einer hohen Mauer aus Betonziegeln. Auf dem Gelände befinden sich außerdem ein unscheinbares Bürogebäude, mehrere blaue Stahlcontainer, eine Fahrzeugwaage und viele Ballen aus gepressten Materialien und in unterschiedlichen Farben. Sie sind das Endprodukt der Sortieranlage und werden am Gelände auf Lkw verladen.
Ein freundlicher Mann mittleren Alters in grün-roter Arbeitskleidung begrüßt mich: Miroslav. Er leitet die Sortieranlage, auf der die Wertstoffe aus dem Gelben Sack, Haushaltsfraktion heißt das in der Fachsprache, und der Gelben Tonne getrennt werden. „Ich starte jeden Tag um 6 Uhr hier auf dem Gelände“, erklärt Miroslav. Zu seinen Aufgaben zählen die Überwachung der automatisierten Arbeitsschritte der Sortieranlage, die Leitung der Mitarbeiter*innen, die Verpressung der einzelnen Wertstoffe. Und sonst noch alles andere, was im Laufe des Tages anfällt. Miroslav weist Lkw ein, unterzeichnet Lieferscheine, kehrt den Boden und fährt Bagger oder Gabelstapler. „Den Staplerschein habe ich hier bei Nemetz gemacht.“
Seit mehr als 25 Jahren ist er im Betrieb. Davor war er in einem fleischverarbeitenden Betrieb im 10. Wiener Gemeindebezirk tätig. Miroslav möchte seine drei Dekaden bei Nemetz gerne voll machen: „Ich möchte gerne bis zur Pensionierung hier arbeiten. Es passt alles sehr gut.“ Miroslav weist Lkw ein, unterzeichnet Lieferscheine, kehrt den Boden und fährt Bagger oder Gabelstapler. „Den Staplerschein habe ich hier bei Nemetz gemacht.“ Seit mehr als 25 Jahren ist er im Betrieb. Davor war er in einem fleischverarbeitenden Betrieb im 10. Wiener Gemeindebezirk tätig. Miroslav möchte seine drei Dekaden bei Nemetz gerne voll machen: „Ich möchte gerne bis zur Pensionierung hier arbeiten. Es passt alles sehr gut.“
Miroslav nimmt mich mit in sein Büro, das sich direkt in der Halle befindet, in der die Sortieranlage steht. Durch ein großes Fenster hat er freie Sicht auf die Anlage. Konkret heißt das: Blick auf ein blaues Konstrukt mit vielen Förderbändern, Treppen und Geländern und mehrere Kabinen, in denen Menschen im zügigen Tempo arbeiten. Trotz geschlossener Tür ist der Lärm der Maschinen auch im Büro sehr präsent. Miroslav gibt mir eine grün-rote Arbeitshose, eine Jacke in den gleichen Farben, eine gelbe Wollhaube und Arbeitshandschuhe. Ich ziehe mich um und er fordert mich freundlich auf: „Komm mit, ich zeige dir jetzt die ganze Anlage.“
Ganz unten
Wir starten logischerweise am Anfang. Konkret heißt das: an der Einfahrt zur 1.400 m² großen Halle, wo ein Baggerlader große Mengen an Gelben Säcken und losen Wertstoffen in eine Art Container befördert. „Hier kommt alles hinein, was in den Gelben Tonnen landet, und die ganzen Gelben Säcke“, erklärt Miroslav. Verpackungen aus Kunststoff, Materialverbund, Metall und Aluminium, Styropor, Textil, Holz, Porzellan, Keramik, Ton und Steingut. Und Hohlkörper aus Kunststoff. Das sind PET-Flaschen, Verpackungen für Waschmittel, Shampoo-Flaschen und Ähnliches. Das PET ist besonders wertvoll, darum sortiert die Anlage die Flaschen nach Farben. Angeliefert werden Wertstoffe von Wertstoffverwertern und den kommunalen Entsorgungsunternehmen.
„Von da kommt alles in den Sackaufreißer“, erklärt Miroslav weiter. Dieser Arbeitsschritt benötigt keine weitere Erklärung. Der Name des Geräts steht für sich. Es folgt ein Trommelsieb, welches die Wertstoffe in drei Fraktionen trennt: Feinmaterial (0–50 mm) gelangt direkt in einen Container, wo es anschließend der thermischen Verwertung zugeführt wird. Grobes Material (>250 mm), das sich fast ausschließlich aus Folien zusammensetzt, wird in einen separaten Anlagenbereich gefördert. Dort kommen erstmals Menschen im Sortierprozess zum Einsatz. „Hier muss händisch nachsortiert werden, weil sich teilweise PET-Flaschen und andere Sachen durchschummeln. Die Maschine ist sehr gut, aber nicht perfekt.“ Der Mensch an sich ist auch nicht perfekt, aber die Kombination aus Mensch und Maschine führt zu nahezu perfekten Trennergebnissen. Die Mittelfraktion (50–250 mm) wird weiterbearbeitet und gelangt über einen FE-Abscheider zum Windsichter, wo das Material von Folien und Leichtstoffen befreit wird.
„Dann kommt eine 3-Weg Sortiermaschine, die zuerst PET und HDPE über Druckluft ausschießt und dann TETRA.“ PET (Polyethylenterephthalat) kennen die meisten Menschen. HDPE ist Polyethylen mit hoher Dichte und kommt hier zum Beispiel in Form von Lebensmittelverpackungen vor. TETRA wird für Milch und ihre Ersatzprodukte oder Fruchsäfte zur Verpackung verwendet. Es besteht zu 75 Prozent aus Karton, 20 Prozent aus Polyethylen und 5 Prozent aus Aluminium. Der Sortierprozess von TETRA ist damit abgeschlossen. Der Durchlauf des restlichen Kunststoff-Materialstroms wird vom darunterliegenden NE-Abscheider gescannt, um Nichteisenfraktionen zu gewinnen. Danach komme ich zum ersten Mal zum Einsatz.
Eingreiftrupp
Miroslav und ich steigen einige blaue Metalltreppen hinauf und betreten einen Raum, den er „Sortierkabine“ nennt. Die Kabine hat zu allen Seiten hin große Glasfenster, die stark verschmutzt sind. Durch die Mitte führt ein breites Förderband, auf dem – zumindest auf den ersten Blick – ausschließlich leere zusammengedrückte Getränkedosen entlangfahren. Miroslav weist mir einen Platz am Band zu und stellt sich neben mich. Er erklärt mir meine Aufgabe für die kommende Zeit: „Aludosen müssen dich nicht interessieren, alles andere klaubst du raus.“ Alles andere bedeutet einzelne kleine Stücke Plastikfolie, hin und wieder einen Teil einer PET-Flasche und erstaunlich oft Katzenfutterdosen. Verpackungen für Hundefutter kommen mir seltener unter, für empirische Ergebnisse, den Haustierbestand betreffend, reicht diese Beobachtung allerdings nicht. Was ich aber nun zumindest weiß, ist, dass diese Dosen eben nicht aus Aluminium bestehen – sondern aus Weißblech – und deswegen vom Förderband runter und in eine eigens dafür vorgesehene Tonne müssen, die neben mir steht. Mit flinken Handgriffen führt mir Miroslav vor, wie das geht. Das Band bewegt sich nicht wahnsinnig schnell, trotzdem ist Konzentration gefragt, da nicht jede zusammengepresste Dose für einen Laien wie mich sofort erkennbar ist. Außerdem variieren die Mengen der geförderten Materialien sehr stark. Es kann also durchaus stressig werden. Miroslav hat lobende Worte für meine Arbeit übrig, die sind aber eher seiner Höflichkeit als meinem Talent geschuldet.
Hinter uns in der Kabine arbeiten mehrere Frauen ebenfalls an Förderbändern. Sie führen eine Qualitätskontrolle durch. Im Schritt davor kommt wieder eine 3-Weg-Sortiermaschine zum Einsatz. Über zwei Kanäle werden fünf reine Kunststofffraktionen aufbereitet: HDPE, PET blau, PET grün, PET klar und PET mix. Diese gelangen nach der Kontrolle sortenrein in Bunker, die unter der Sortierkabine liegen. „Wir bringen sie dann zum Pressebeschickungsband, und von dort geht es in die Ballenpresse“, führt Miroslav aus. Dort entstehen dann die grünen, blauen großen Ballen, die einem sofort auffallen, wenn man das Areal der Nemetz Entsorgung und Transport AG betritt. Auch ganz bunte Ballen gibt es, denn die aussortierten Aludosen werden verpresst.
Doppelschicht
Es ist kurz nach 14 Uhr und Miroslav begleitet mich zum Bürogebäude am hinteren Ende des Geländes. Dort begegnet uns Mario (Kundenbetreuung und Marketing), der sich nach unserem Tag erkundigt. Ich erzähle von meinen persönlichen Erlebnissen und davon, dass ich großen Respekt vor den Menschen habe, die diese Tätigkeit jeden Tag sieben Stunden lang ausüben. Auch Mario ist sich der Wichtigkeit der Mitarbeiter*innen bewusst. In der Anlage in Leopoldsdorf werden jedes Jahr 14.000 Tonnen Wertstoffe sortiert. Das sind immerhin mehr als 3,8 Tonnen pro Stunde. „In der Größenordnung brauchen wir Menschen, die manuell sortieren. In anderen Ländern gibt es viel größere Anlagen, die mehrere 100.000 Tonnen verarbeiten. Da schauen dann nur noch drei, vier Leute, dass alle Maschinen laufen.“ Für die Nemetz Entsorgung und Transport AG ist das keine Zukunftsvision. Der Standort ist behördlich auf 25.000 Tonnen pro Jahr limitiert. Auch eine volle Nachtschicht darf auf der Anlage nicht gefahren werden. Und somit werden in Leopoldsdorf auch in Zukunft Mensch und Maschine zusammenarbeiten.
Aktualisierte Fassung / Originalfassung erschienen in der zweiten Ausgabe von „Wir erzählen nur Müll“ im April 2023.Text: buero balankaFoto: Julie Brass