Wie Müll aus Österreich in einen Strudel im Pazifik gelangt
Tonnen von Plastikmüll sammeln sich in fünf großen Strudeln in den Weltmeeren. Abfall aus Österreich ist ebenfalls ein Bestandteil und schädigt damit die Umwelt, Meeresbewohner und Menschen. Ein junger Niederländer hat sich mit seinem Projekt The Ocean Cleanup zum Ziel gesetzt, diese Zerstörung zu stoppen.
Wenn die Donau bei Hainburg Österreich wieder verlässt, führt sie doppelt so viel Müll mit sich wie 349 Kilometer zuvor bei ihrem Eintritt in die Republik. Vielfach handelt es sich dabei um achtlos weggeworfene Verpackungen, die durch den Wind in den Fluss geweht und von diesem dann weitertransportiert werden. Und da ja bekanntlich alle Flüsse am Ende ins Meer fließen, gelangt dieser Abfall teilweise bis in die Ozeane. Einen großen Anteil daran macht Plastik aus.
Laut Schätzungen der Vereinten Nationen treiben rund 150 Millionen Tonnen Plastikmüll in den Weltmeeren, und jedes Jahr kommen weitere acht Millionen Tonnen dazu. Einige davon stammen auch aus Österreich. „Es ist durchaus möglich, dass eine Plastikflasche, die bei uns aus dem Autofenster geworfen wurde, jetzt im Mittelmeer oder Atlantik treibt“, sagt Prof. Dr. Gerhard J. Herndl. Er ist Meeresbiologe an der Universität Wien und beschäftigt sich vor allem mit dem Kohlenstoffkreislauf der Ozeane und deren Rolle für das Klima.
Der Plastikmüll in den Meeren sammelt sich zu großen Teilen in fünf Strudeln. Diese befinden sich alle nördlich und südlich des Äquators in großen Strömungswirbeln. Der größte Müllstrudel ist der Great Pacific Garbage Patch. Er befindet sich im Nordpazifik zwischen Nordamerika und Asien. Schätzungen gehen davon aus, dass er mehr als 80.000 Tonnen Plastikmüll beinhaltet, 1,6 Millionen km2 groß und somit 25-mal so groß wie Österreich ist. „Dabei handelt es sich allerdings nicht um eine zusammenhängende Fläche, die vollkommen von Plastikmüll bedeckt ist“, erklärt Herndl. Wenn man mit einem Schiff durch die betroffenen Gebiete fährt, sieht man nur tiefblaues Wasser, da es sehr nährstoffarm ist. Der Plastikmüll ist weitflächig verteilt, und nicht alles treibt an der Oberfläche. „Wie groß der Teil ist, der in größeren Tiefen vorhanden ist, ist schwer zu sagen. Es ist allerdings zu befürchten, dass es viel ist.“ Selbst am tiefsten Punkt des Weltmeeres, dem Marianengraben, wurden bereits Plastik und Mikroplastik von nicht unbeträchtlicher Menge gefunden. Mikroplastik ist weniger als fünf Millimeter groß und gelangt über ganz unterschiedliche Wege ins Meer. Es stammt vom Abrieb von Autoreifen, wird beim Waschen von synthetischen Textilien ausgeschwemmt oder von Sportplätzen (Kunstrasen) verweht und gelangt über die Flüsse in die Meere.
Der Plastikmüll in den großen Müllstrudeln der Ozeane verbleibt dort teilweise jahrzehntelang. Durch die Gezeiten und die Wirkung der Wellen wird das Plastik in immer kleinere Teile zerlegt. Auch die UV-Strahlung trägt zur Fragmentierung bei. Prinzipiell gibt es auch einen mikrobiellen Abbau des Plastiks. „Der geht allerdings so langsam vonstatten, dass weit mehr Plastikmüll nachkommt, als abgebaut wird“, sagt Herndl. Der Zerfall einer PET-Flasche dauert beispielsweise bis zu 450 Jahre. Der Großteil des Plastikmülls im Great Pacific Garbage Patch stammt aus Südostasien. Etwa 30 Prozent des Plastiks im Pazifik kommen überhaupt aus China. Die großen Industrienationen stehen somit eindeutig in der Pflicht, ihren Teil zur Verbesserung der Situation beizutragen. Aber auch multinationale Konzerne wie Nestlé und andere sind laut Herndl verantwortlich: „Am indischen Subkontinent, wo es de facto kein Trinkwasser gibt, wird Wasser in Plastikflaschen in unglaublichen Mengen verkauft. Das dürfte eigentlich nicht erlaubt sein, da dort nur wenig oder vielfach gar keine Entsorgungsstruktur vorhanden ist.“ Herndl ist es aber auch wichtig zu betonen, dass es sehr einfach ist, auf andere Staaten oder Weltregionen zu zeigen und dabei auf die eigene Verantwortung zu vergessen. „Auch wir in Europa sind gefordert.“ Nicht nur dass über die vorher genannten Wege Plastikmüll aus europäischen Ländern in den Weltmeeren landet, auch der Tourismus spielt eine Rolle. Die Meere sind nicht nur Lebensraum für viele Tierarten, sondern auch Erholungsraum für Millionen von Menschen – auch für viele Österreicher*innen. Die Folgen davon kann man an den Küsten des Mittelmeers sehen. Auch dort lagert sich Plastikmüll ab, der aufgrund der großen Meeresströmungen – die die Weltmeere verbinden – am Ende auch im Atlantik oder Pazifik landet.
Aktiv werden
Was kann ich allein schon dagegen tun? Eine Frage, die man sich selbst nur zu gerne stellt. Dabei ist es ein Irrglaube, dass das Verhalten Einzelner keinen Einfluss auf globale Themen wie die Verschmutzung der Weltmeere durch Plastikmüll hat. Herndl fordert generell einen achtsameren Umgang mit Plastik: „Eigentlich ist Kunststoff ein exzellentes Produkt für dauerhafte Güter. Aber es ist viel zu wertvoll, um es in diesen großen Mengen einfach wegzuwerfen, wie wir es tun. Die Einwegverwendung ist ein Wahnsinn.“
Das eigene Nutzungsverhalten von Plastikprodukten zu überdenken, ist also ein guter und einfacher Anfang, um zur Verbesserung beizutragen. Und dass das Engagement eines einzelnen Menschen einen Unterschied machen kann, zeigt das Beispiel des jungen Niederländers Boyan Slat. Während eines Urlaubs in Griechenland entdeckte der damals 16-Jährige bei einem Tauchgang mehr Müll als Fische im Mittelmeer. Daraufhin entschied er sich, etwas gegen die Verschmutzung der Meere zu machen. Slat entwickelte ein passives System zum Auffangen des in den Meeresströmungen treibenden Plastikmülls. Er gründete die Organisation The Ocean Cleanup und beauftragte damit 2013 eine Machbarkeitsstudie für seine Idee. 2014 sammelte er mit einer Crowdfunding-Kampagne 2 Millionen US-Dollar von 40.000 Unterstützer*innen. Herndl ist Teil des wissenschaftlichen Beirats des Projekts und war von Beginn an begeistert von der Idee und dem Charisma von Boyan Slat:
„Es ist schön zu sehen, wenn sich so junge Menschen für so wichtige Themen einsetzen. Boyan ist es über die Jahre gelungen, mit seiner einnehmenden Art wichtige Menschen und große Unternehmen von dem Vorhaben zu überzeugen.“ Mittlerweile unterstützen Heineken, Maersk und Bill Gates das Projekt.
Der erste Prototyp wurde im Sommer 2016 an der niederländischen Nordseeküste getestet. Zwei Jahre später wurde die Weiterentwicklung – das System 001 – im Great Pacific Garbage Patch eingesetzt. Das Grundprinzip ist schnell erklärt: „Ein auf dem Wasser treibender Luftschlauch bildet im Meer eine Barriere und richtet sich je nach aufkommender Windrichtung aus. So wird zumindest der Kunststoffmüll auf der Meeresoberfläche eingefangen und Schiffe sammeln anschließend den Müll auf.“ Nach vier Monaten musste der Versuch abgebrochen werden. Das System fing zwar Müll ein, allerdings konnte dieser auch wieder entweichen. Außerdem löste sich ein 18 Meter langes Teil der Konstruktion. System 001 musste also zurück an Land und weiterentwickelt werden. 2.200 Kilogramm Plastikmüll wurden bis dahin trotzdem gesammelt. Im Oktober 2019 verkündete The Ocean Cleanup, dass das modifizierte System 001/b in der Lage ist, Plastik zu sammeln – auch solches in der Größe von nur 1 mm. Seit 2025 ist das Systems 03 im Einsatz. The Ocean Cleanup arbeitete aber in den letzten Jahren nicht nur an der Entwicklung des Systems für die Ozeane. „In mehreren Flüssen der Welt sind ebenfalls Anlagen im Einsatz“, erklärt Herndl. Sie heißen Interceptor und sorgen dafür, dass der Plastikeintrag in die Ozeane verringert wird. Dabei handelt es sich um verankerbare Katamarane. Zwischen den beiden Rümpfen befindet sich ein Förderband, das bis ins Wasser reicht. Dieses befördert den Plastikmüll aus dem Flusswasser und direkt in Container. Daraus werden dann neue Produkte gefertigt – Sonnenbrillen zum Beispiel. 20 Interceptors sind mittlerweile im Einsatz.
Herndl ist sich darüber im Klaren, dass Projekte wie The Ocean Cleanup für viele Menschen futuristisch und etwas unglaublich klingen. Er ist aber davon überzeugt, dass sie einen entscheidenden Teil dazu beitragen können, dass die Weltmeere sauberer werden. „Das ist nicht die Zukunft, das ist die Gegenwart. Das passiert wirklich schon und verändert vieles.
Aktualisierte Fassung / Originalfassung erschienen in der ersten Ausgabe von „Wir erzählen nur Müll“ im Juni 2021.Text: buero balankaFoto: The Ocean Cleanup, Universität Wien