Die Paketflut aus den Online-Shops
540.000 Pakete werden pro Werktag in Wien zugestellt – Tendenz steigend. Ein System, mit vielen Herausforderungen – im Hinblick auf Müllaufkommen und kritikwürdige Arbeitsbedingungen.
Der Anteil an Menschen (im Alter von 16 bis 74 Jahren), die online einkaufen, ist in den letzten 20 Jahren massiv gestiegen. Waren es 2003 in Österreich nur 7,8 Prozent, so ist die Zahl bis zum vergangenen Jahr auf 69 Prozent gestiegen. In der Altersgruppe der 25- bis 34-Jährigen waren es sogar rund 88 Prozent, die in den letzten zwölf Monaten im Internet eingekauft haben. Einen nennenswerten Geschlechterunterschied gibt es dabei nicht. Wenn man sich die unterschiedlichen Warengruppen ansieht, liegt Kleidung klar an erster Stelle, gefolgt von Elektrogeräten und Möbel.
Dabei spielen Selbstabholungsmöglichkeiten wie Click&Collect fast gar keine Rolle. Der überwiegende Teil der Bestellungen wird als Paket zugestellt. Der Onlinehandel gilt als der große Treiber der ständig wachsenden Zahl an Paketlieferungen. Laut dem alle zwei Jahre erscheinenden Report für die Kurier-, Express- und Paketdienste (KEP) waren es 2023 alleine in Wien 133 Millionen. 2014 lag die Zahl bei etwas mehr als 55 Millionen. Wobei die Zahl der Geschäftskunden über die letzten Jahre hinweg recht konstant geblieben ist. Die Anzahl der Online-Bestellungen von Privatpersonen hingegen ist signifikant gestiegen. 540.000 Pakete werden pro Werktag in der Bundeshauptstadt zugestellt. Das sind 112 Pakete pro Jahr und Haushalt. Also fast jeden dritten Tag ein Paket. Oder noch einmal anders gesagt und weil es in Österreich einen Hang dazu gibt, Dinge in Fußballfeldern zu messen: Würde man alle in Wien pro Tag zugestellten Pakete nebeneinander auflegen, würde das der Fläche von zwölf Fußballfeldern entsprechen.
Millionen Kartons und 14-Stunden-Tage
Das erhöhte Aufkommen von Paketen führt logischerweise zu größeren Mengen an Verpackungsmaterial. Das besteht in den meisten Fällen aus Karton und landet nach einmaliger Verwendung im Müll. Mehrweglösungen stellen noch eine Ausnahme dar. Aber beispielsweise bietet die Österreichische Post den Service „Post Loop“ an. Online-Shops versenden ihre Ware in wiederverwendbaren Verpackungen, die Kund*innen entnehmen die Ware und geben anschließend die leeren Verpackungen über die Rückgabestellen der Post zurück. Die Verpackungen werden dann inventarisiert und aufbereitet, damit sie erneut versendet werden können, und kommen so bis zu 30-mal zum Einsatz.
Eine weitere große Herausforderung der Branche stellen die Arbeitsbedingungen der Zusteller*innen dar. Der Konkurrenzkampf unter den Lieferdiensten ist groß und Preisdumping eine gängige Praxis. Am Ende wir der finanzielle Druck bis nach ganz unten weitergegeben – an die einzelnen Auslieferer*innen. Viele von ihnen gehen einer „atypischen Beschäftigung“ nach. Soll heißen: Nur eine Minderheit ist bei den großen Paketlieferdiensten angestellt. Alle anderen sind entweder Leiharbeiter*innen oder Teile von undurchsichtigen Konstrukten aus Subunternehmen und Subsubunternehmen. Konkret bedeutet das für diese Menschen oft, dass sie sich selbst versichern müssen, die Kosten für die Wartung des Fahrzeugs und den Treibstoff selbst tragen und täglich bis zu 14 Stunden arbeiten.
Kaufen statt konsumieren
Doch warum steigt die Zahl der Online-Bestellungen in Österreich jedes Jahr weiter an? Handelt es sich dabei einfach um eine logische Folge unserer modernen Konsumgesellschaft? Die Soziologin Nina Birkner-Tröger arbeitet in der Arbeiterkammer Wien und betreibt Grundlagenarbeit zum Thema Konsum. Ihr ist eine Differenzierung zwischen den Begriffen „konsumieren“ und „kaufen“ wichtig: „Konsumieren ist viel mehr als kaufen. Vereinfacht gesagt, konsumiere ich Dinge, wenn ich sie nutze. Wenn ich mir also etwas ausleihe oder mit jemand anderem teile – beispielsweise ein Auto im Rahmen von Shared-Mobility-Angeboten –, dann konsumiere ich diese Angebote auch.“ Doch oftmals ist es so, dass Menschen Dinge kaufen, sie in weiterer Folge aber nicht nutzen. „In unserer materialistischen Welt ist das Angebot unglaublich groß, es gibt scheinbar unendlich viele und immer neue Waren. Die Nutzungs- und Innovationszyklen werden immer kürzer“, erklärt Birkner-Tröger. Der Onlinehandel verstärkt das ganze System. Es gibt keine Öffnungszeiten mehr, die Produkte sind rund um die Uhr verfügbar. „Kaufimpulse sind so schwieriger zu kontrollieren. Ein Klick genügt und schon habe ich wieder etwas Neues gekauft.“ Auch das Zahlungsziel spielt eine Rolle dabei: „Wenn ich online mit einem digitalen Service zahle, sind die Auswirkungen nicht so unmittelbar spürbar, wie wenn ich in ein Geschäft gehe und bar bezahle“, sagt die Expertin.
Außerdem sind die Verführungsversuche im Internet noch präsenter als im stationären Handel: nicht gekennzeichnete Werbung auf Social Media, hoch spezifizierte und personalisierte Angebote durch Influencer*innen und sogenannte Dark Patterns. „Von Glücksspielen über Countdowns und angebliche limitierte Verfügbarkeit bis hin zu irreführenden Rabatten und Produkten, die bereits im digitalen Warenkorb liegen, ohne dass man sie selbst hinzugefügt hat – die Vorgehensweisen sind breit gefächert“, sagt die Soziologin.
Bis zur Sucht
Laut einer Studie der Arbeiterkammer (Stand 2023) sind 21 Prozent der Österreicher*innen kaufsuchtgefährdet oder kaufsüchtig. Für Nina Birkner-Tröger besteht dabei ein direkter Zusammenhang zwischen Kaufsucht und Online-Shopping, auch wenn die Kausalität nicht eindeutig ist: „13 Prozent der Österreicher*innen kaufen wöchentlich online ein, 50 Prozent davon sind kaufsuchtgefährdet oder kaufsüchtig.“ Bei Menschen, die gar nicht oder nur selten im Internet einkaufen, liegt der Wert bei nur zehn Prozent. Kaufsucht ist eine Impulskontrollstörung, und wie bereits erwähnt sind Kaufimpulse online eben schwieriger zu kontrollieren. Laut Birkner-Tröger braucht es im Wesentlichen zwei Dinge für einen verantwortungsvollen Umgang mit Online-Kaufangeboten: Kompetenzvermittlung und Regulierung. „Einerseits ist es wichtig, dass besonders junge Menschen – aber nicht nur die – lernen, welchen Informationen sie vertrauen können, und dass nicht alles, was jemand im Internet sagt, auch zwingend stimmt. Schon gar nicht, wenn Produkte verkauft werden sollen.“ Andererseits: „Es ist wichtig, dass Werbung im Internet noch besser reguliert wird und die bereits vorhandenen Regularien (z.B. zu Dark Patterns) kontrolliert werden.“ Ob solche Maßnahmen dazu führen, dass in Zukunft weniger Pakete versendet werden, bleibt abzuwarten. Und hat wohl auch damit zu tun, ob überhaupt jemand ein Interesse daran hat, etwas an diesem System zu verändern.
Erschienen in der dritten Ausgabe von „Wir erzählen nur Müll“ im März 2025.Text: buero balankaFotos: Ian Ehm