Eine Scheiß-Geschichte!
Zwei Unternehmen in Deutschland und Österreich erzählen, wie sie mit ihren Produkten und Dienstleistungen dem Gang zum Klo ein neues Image geben wollen. Das Ausscheiden soll von einer unabänderbaren Notwendigkeit zur Produktion sinnvoller Ressourcen werden.
Max Mannheim und Niko Bogianzidis haben einiges gemeinsam. Unter anderem bezeichnen sie das, was wir Menschen so tagtäglich ausscheiden, nicht als Urin oder Kot. Sie verwenden auch keine derberen Ausdrücke wie Scheiße oder Pisse – ganz im Gegenteil. Für Bogianzidis und Mannheim sind die menschlichen Ausscheidungen eine „wertvolle Ressource.“
Eigentlich sind Mannheim und Bogianzidis Konkurrenten. Mannheim ist Co-Geschäftsführer von Kompotoi Deutschland, Bogianzidis selbiges von Öklo. Beide Unternehmen bauen, vermieten, servicieren und verkaufen Trockentoiletten aus Holz. Im Grunde sind sie Konkurrenten, aber die beiden haben auch irgendwie eine gemeinsame Mission, womit wir wieder bei der wertvollen Ressource wären: „Wir müssen uns einfach bewusst werden, dass das, was wir da aus uns rauspressen, eine wertvolle Ressource ist und kein bösartiges Häufchen“, sagt Mannheim. „Ausscheidungen sind etwas Hochwertiges. Und wir wollen daraus ein hochwertiges Produkt machen“, sagt Bogianzidis.
Vom Prinzip her funktionieren die Öklos und Kompotois sehr ähnlich. Beide sind aus Holz gebaut, durchaus mit gestalterischem Anspruch. Geht man dann auf den Topf, so wird Festes vom Flüssigen getrennt. Anstatt das Geschäft dann mittels Trinkwassers in Richtung Kanalisation auf die Reise zu schicken oder mit Chemie zu behandeln, kippt man einfach eine Schaufel voller Sägespäne darüber. Und weil das alle fragen, fragen auch wir: Stinkt das denn nicht? „Nein, beim Urin binden die Späne den Ammoniak und beim Festen sorgen sie dafür, dass es austrocknet. Eine vertrocknete Kackwurst von einem Hund stinkt ja auch nicht“, erklärt Mannheim, schränkt aber lachend ein: „Die Gase, die mitkommen, werden immer stinken.“ Aber wem schon einmal ein Furz entflohen ist, der weiß: Das legt sich recht schnell wieder.
Immer mehr Veranstalter oder auch Gemeinden setzen bei Mobilklos auf die trockene Sägespäne-Variante. Einst selbst Festivalveranstalter – und so erst auf die Idee gekommen –, weiß er, dass die Toilettensituation mitunter ein entscheidendes Kriterium für Erfolg oder Misserfolg einer Veranstaltung sein kann. „Das Klo ist für alle Besucherinnen und Besucher wichtig. Einerseits geht es dabei um die Hygiene und Sauberkeit, andererseits aber auch um die Atmosphäre. Gerade für Frauen sind die Klos auch eine Art Safe Space.“
Doch kommen wir zurück zu den wertvollen Ressourcen und hochwertigen Produkten. Also dahin, wo die eigentliche Mission von Mannheim und Bogianzidis beginnt. Was passiert mit dem rausgefilterten Urin und dem vertrockneten Kot? „Toiletten bauen, verkaufen und mieten, das ist das eine, aber eigentlich geht es darum, den Kreislauf zu schließen, die Ausscheidungen weiter zu verwerten“, sagt Mannheim. Doch diesbezüglich gibt es sowohl in Deutschland wie auch in Österreich noch zahlreiche Hindernisse. Während aus dem Urin in Österreich – oder auch der Schweiz – schon Stickstoffdünger hergestellt und verkauft werden darf, ist dies in Deutschland nicht erlaubt. „Dabei kannst du beispielsweise Kalium oder Phosphor rausholen. Gerade Phosphor ist ein Riesenthema“, so Mannheim. Noch schwieriger gestaltet sich die Situation bei den festen Abfällen. Obwohl Bogianzidis zahlreiche Weiterverwertungsmöglichkeiten kennt: „Man kann so viel damit machen: Holzfaserbeton, Dünger, Biogas oder natürlich auch kompostieren“, so Bogianzidis. Dass vieles davon – beispielsweise das gewerbliche Kompostieren – weder in Deutschland noch in Österreich erlaubt ist, ist für Bogianzidis unverständlich. „Bei Menschen wird schon beim Kompost sofort nachgefragt: Ist das nicht gefährlich? Aber wenn man bedenkt, was der Großteil der Menschen isst und was da an Antibiotika und Medikamenten drinnen steckt, darüber denkt kaum jemand nach“, so der Öklo-Gründer. „Zudem sind Fäkalien bei Weitem nicht so gefährlich, wie es propagiert wird. Mit der richtigen Behandlung ist das komplett unbedenklich. Das zeigen auch zahlreiche Studien.“
Niko Bogianzidis präsentiert die Öklo-Kabinen.
Derzeit werden die Ausscheidungen in erster Linie gesammelt und zu Forschungszwecken weiterverarbeitet. „Grade bei Überschüssen an Urin tut es natürlich weh, diese dann auf herkömmlichem Weg – also über die Kläranlage – entsorgen zu müssen. Anstatt sie, wie bei unseren Nachbarn derzeit schon möglich, zu nutzen“, so Mannheim. Auch Bogianzidis stand schon in der Kritik, dass die Bezeichnung „Kompost-Toilette“ nur ein Werbegag sei, da in Österreich ja nicht kompostiert werden darf – und somit die gesammelten Fäkalien erst wieder auf herkömmlichem Wege entsorgt würden. Gegen diesen Vorwurf wehrt er sich allerdings: „Wir verwerten eigentlich alles weiter. Nur verkaufen dürfen wir die Produkte eben noch nicht.“
Dass das irgendwann einmal anders werden soll, ist das große Ziel der beiden Entsorger. Auch deshalb, weil beide in Trockentoiletten großes Zukunftspotenzial sehen. „Auch in Österreich wird die Verfügbarkeit von Trinkwasser irgendwann einmal ein größeres Thema werden. Und das spülen wir derzeit in Unmengen in fast jedem Haushalt im Klo runter.“ Schon jetzt kennen die beiden Projekte, bei denen in Wohnhäusern Trockentoiletten installiert wurden. Ob das in Zukunft ein größeres Thema werden könnte? Mannheim: „Ja, das wird mehr werden. Weil wir aktuell massiv Ressourcen verschwenden und das werden wir uns bald nicht mehr leisten wollen.“
Geschäftsführer Max Mannheim (li.) von Kompotoi.
Erschienen in der zweiten Ausgabe von „Wir erzählen nur Müll“ im April 2023Text: buero balankaFOTOS: Desire Laroche, Öklo Gmbh, Kompotoi.