„Ich sammle, seit ich Taschen habe.“

Friedl Wolaskowitz sammelt Dinge, die für viele Menschen nur Müll sind: Kaffeerahmdeckel und (wertlose) Lotterielose beispielsweise. Damit ist er keinesfalls allein. Der Psychologe Albrecht Schnabel sagt sogar: „Im Grunde sammeln alle Menschen irgendwas, das ist ganz tief drinnen in uns Menschen.“ Nicht immer geht es dabei – wie bei Wolaskowitz – nur um die Freude an der Sache.

 

Friedl Wolaskowitz ist Jahrgang 1951. Es dürfte also so um die 70 Jahre her sein, dass ihm bewusst wurde, dass Kleidungsstücke auch Taschen haben können. Irgendwann zu dieser Zeit hat seine Sammelleidenschaft wohl begonnen. Denn Wolaskowitz sagt: „Ich sammle, seit ich Taschen habe.“ Schon mit elf Jahren, also 1962, wurde er Mitglied in einem Briefmarken-Verein. Das ist er bis heute, auch wenn er längst keine Briefmarken mehr sammelt. Auch aus Kostengründen: „Nachdem ich von Wien nach Vorarlberg gezogen bin, hab ich mit meinem ersten Lehrergehalt angefangen, bei Briefmarken-Auktionen mitzumachen. Ich musste dann 30.000 Schilling Kredit aufnehmen und war ein paar Jahre verschuldet.“ Sein beruflicher Werdegang führte ihn nach Schottland, was im Hinblick auf das Sammeln zu einer relevanten Station in seinem Leben werden sollte: „Dort bin ich draufgekommen: Die sammeln nicht nur wertvolle Sachen, sondern auch Zuckerpäckchen oder Servietten.“ Die Leidenschaft fürs Sammeln von Alltagsgrafiken – darunter fällt alles, was ursprünglich zum einmaligen Gebrauch gedruckt, gepresst, gestanzt oder gestempelt wurde – war geweckt. Seither hat Wolaskowitz also Dinge gesammelt, für die es nach Meinung von vielen anderen Menschen nur einen Weg gibt: in den Mülleimer.

Warum es dennoch viele Menschen gibt, die sich äußerst leidenschaftlich dem Sammeln – auch von vermeintlich wertlosen Dingen – widmen, weiß Albrecht Schnabel. Der Münchener Sozialpsychologe beschäftigte sich im Zuge seiner Arbeit intensiv mit der Thematik. Im Wesentlichen kann man es auf vier unterschiedliche Motive begrenzen: „Das Absichern und Vorsorgen, das Spielerische, die soziale Begegnung und der soziale Vergleich.“ Während beim Sammeln von finanziell wertvollen bzw. im Wert steigenden Dingen wie Uhren, Kunst oder teilweise auch Briefmarken die Motive der Absicherung und des sozialen Vergleichs im Fokus stehen, so dominieren das Spielerische und die sozialen Begegnungen bei vermeintlich wertlosen Dingen. Oftmals sei die Motivation und Leidenschaft bei Letzterem stärker. „Finanzielle Sicherheit oder Bewunderung sind extrinsische Motive. Diese sind auch sonst im Alltag sehr gängig und können die intrinsische Freude an der Sache sogar mindern“, erklärt der Psychologe. „Wenn das Spielerische im Fokus steht, das Intrinsische, dann hab ich keinen Druck. Ich muss es nicht machen und ein Fehler ist vielleicht weniger gravierend. Das ist ein schöner Kontrapunkt zu vielen anderen Bereichen im Leben.“

 

Was Wolaskowitz dazu sagt, klingt wie eine Bestätigung der wissenschaftlichen Erkenntnisse von Schnabel: „Als ich mit den Briefmarken aufgehört habe und begonnen habe, alltägliche Dinge zu sammeln, habe ich gemerkt: Das macht genauso viel Spaß. Ich habe Ziele, ich beschäftige mich mit etwas und treffe andere Leute.“ Seine erste Leidenschaft galt den Kaffeerahmdeckeln. Wie viel genau er davon besitzt, kann er heute nicht mehr sagen. In jedem Fall hat er es mit seiner Sammlung in diverse Journale und das Guinness-Buch der Rekorde geschafft. „Manchmal hab ich Post gekriegt mit der Anschrift „An den Herrn Lehrer, der Kaffeerahmdeckel sammelt“. Die ist angekommen – ohne Adresse. Noch heute sprechen mich die Leute darauf an, obwohl ich vor 20 Jahren damit aufgehört habe.“ Dass er damit aufgehört hat, liegt daran, dass die Hersteller die immer größer werdende Sammlerszene für sich entdeckt haben. „Sobald etwas fürs Sammeln produziert wird, verlier ich das Interesse. Deshalb interessieren mich auch Sticker-Alben nicht.“

Später galt seine Sammelleidenschaft unterschiedlichen Lotterie-Produkten: Lotteriescheinen, Rubbellosen, Korrespondenzen etc. Wie intensiv sich Wolaskowitz beim Sammeln mit einem Bereich beschäftigt, zeigt sich anhand der Rubbellose: „Als Sammler will ich natürlich die Spezialitäten haben. Die Trafiken kriegen die Lose im 100er-Pack. Die Nummer 1 und die Nummer 100 haben jeweils ein spezielles Zeichen. Die will ich haben.“ Seine Sammlung umfasst unter anderem 1.400 österreichische Rubbellose. „Aber ich sammle ja Lose aus der ganzen Welt. Ohne zu übertreiben, kann ich sagen: Ich habe die größte Lotterie-Sammlung Europas.“

 

Wo sind die jungen Sammler*innen?

Wie schon erwähnt, spielt für Wolaskowitz der soziale Aspekt des Sammelns eine wichtige Rolle. 1990 gründete er den Ephemera-Sammelverein mit Sitz in Höchst, dessen Vorstand er bis heute ist. Das Wort „ephemer“ stammt aus dem Griechischen und bedeutet so viel wie „flüchtig“ oder „vergänglich“. Es bezieht sich auf die Alltagsgrafiken, die von Wolaskowitz und den anderen Mitgliedern des Vereins gesammelt werden. Seit der Gründung organisiert Wolaskowitz in regelmäßigen Abständen Sammlertreffs und Tauschbörsen. Zu Hochzeiten hatte der Verein mehr als 450 Mitglieder, heute sind es deutlich weniger.  

 

Dass die „Jungen“ grundsätzlich nicht mehr sammeln, daran glaubt Wolaskowitz nicht: „Die sammeln halt andere Dinge. Vintage-Geschichten, Pins, alles, was ein bisschen poppig ist.“ Auch Psychologe Schnabel glaubt daran, dass das Sammeln von Dingen – auch in nicht digitaler Form – durchaus auch bei jungen Menschen auf Interesse stoßen kann. „Es gibt auch bei jungen Menschen eine Sehnsucht danach, Dinge zu berühren, zu ordnen. Mitunter ist das auch eine gewisse Sehnsucht nach dem Einfachen.“

Prinzipiell sieht der Psychologe das Sammeln positiv. „Sammeln ist sehr alltagsnah. Im Grunde sammeln alle Menschen irgendwas, das ist ganz tief in uns Menschen drinnen“, so Schnabel. Wenn es als Hobby betrieben wird, so könne man dabei – wie bei vielen anderen Hobbys – auch Kompetenzen für andere Bereiche des Lebens erlernen. „Es hilft mitunter dabei, dass man auch als Erwachsener das Spielen nicht vollständig verlernt, das Suchen, das Tauschen – das hat alles etwas Spielerisches. Zudem spielt Struktur beim Sammeln eine wichtige Rolle. Ebenso das Ordnunghalten und – wenn es gelingt – auch das Maßhalten.“

Sammeln hilft mitunter dabei, dass man auch als Erwachsener das Spielen nicht vollständig verlernt. Das Suchen, das Tauschen – das hat alles etwas Spielerisches.”
— Albrecht schnabel

Stichwort maßhalten: Kann das Sammeln auch „gefährlich werden“ oder zumindest aus psychologischer Sicht ein bedenkliches Ausmaß erreichen? Ja, sagt Psychologe Schnabel. Einen konkreten Wert oder allgemeingültige Aussagen darüber lassen sich aber nur schwer treffen. „Problematisch wird es mitunter dann, wenn sich Menschen extrem zurückziehen und sich nur noch mit ihren Objekten beschäftigen“, so Schnabel. Oftmals habe das paradoxerweise mit Angst vor Enttäuschung und dem Verlassenwerden zu tun. „Umso stärker binde ich mich an Objekte, denn diese können mich nicht verlassen.“ Wird es problematisch, rät er dazu, mit kleinsten Schritten zu beginnen. Zudem kann es hilfreich sein, Objekte und Gegenstände zu spenden oder zu verschenken. „Eine Verlustrealisierung ist immer schmerzhaft. Das vermeiden wir in allen Lebensbereichen. Wenn aber eine kleine Freude – beispielsweise beim Gegenüber – dazukommt, dann liegt auf der anderen Seite der Waage auch etwas Positives.“

Bei Friedl Wolaskowitz hat man das Gefühl, dass ihm das Sammeln einfach großen Spaß macht – und viel mehr die Gemeinschaft mit anderen fördert. Auch über die Zukunft seines Vereins sagt er: „Man wird sehen, ob es mit Jüngeren weitergeht. Und sonst hatten wir viele Jahre lang Spaß.“ Und sich von nicht mehr relevanten Objekten zu trennen, scheint ihm auch keine große Mühe zu bereiten: „Briefmarken, die einen Euro-Wert haben, nutze ich jetzt für die Vereinspost.“

 
Gekürzte Version / Originalversion erschienen in der zweiten Ausgabe von „Wir erzählen nur Müll“ im April 2023.
TEXT: buero balanka
Fotos: Sammelverein Ephemera
 
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Unnützes Müllwissen - Teil 3