„Wir verwandeln Dinge in Müll“

Historiker Roman Köster spricht im Interview über die Knackpunkte in der menschliche “Müll-Geschichte” und warum eine Halskette aus Plutonium zur Reduktion von Müll beitragen würde, aber nicht die Lösung ist. 

 

Sie sagen, Müll ist eine „Zuweisung von Menschen“. Heißt das, eine objektive Definition von Müll gibt es nicht?

Letztendlich wird Müll immer durch Menschen definiert, denn theoretisch kann man ja allem noch einen Nutzen geben. Ich kann mir auch eine Halskette aus Plutonium basteln. Die werde ich zwar nicht allzu lange tragen, aber eine Nutzen-Zuweisung ist theoretisch möglich. Daher sind es auch immer wir Menschen, die irgendwas in Müll verwandeln. Das heißt nicht, dass wir vom Müll wegkommen, indem wir einfach sagen: Wir definieren das jetzt anders, wir weisen einfach allem einen Nutzen zu. Das funktioniert natürlich nicht. 

Ihr Buch “Müll - Eine schmutzige Geschichte der Menschheit” ist höchst erfolgreich und wurde auch für den Deutschen Buchpreis nominiert. Ist das ein Zeichen dafür, dass das Thema Müll auch für die breite Masse interessant ist?

Ich glaube einfach, dass es sehr viele Menschen gibt, denen das Thema möglicherweise auch Unbehagen bereitet – also im Hinblick darauf, was sie wegwerfen und was mit diesem Müll passiert. Bei Vorträgen bin ich ehrlich gesagt manchmal etwas überfordert, wenn mir Menschen dann Fragen zur Lösung des Müllproblems stellen. Ich bin Historiker. Aber das Interesse am Buch zeigt schon, dass der Blick in die Geschichte des Mülls, also wie wir dort gelandet sind, wo wir heute sind, sehr spannend ist.

Wenn man auf unsere menschliche Müllgeschichte blickt, gibt es da entscheidende Knackpunkte?

In diesem langen Zeitraum bis ca. 1800, den ich als Vormoderne bezeichne, hat sich gar nicht so viel getan. Müll bestand zu der Zeit hauptsächlich aus Fäkalien und war in den Städten ein Thema – er wurde aber einfach vor die Stadtmauer gebracht. Als Ende des 18. Jahrhunderts beziehungsweise Anfang des 19. Jahrhunderts das globale Phänomen des Städtewachstums begann, funktionierten diese alten Wege, mit Müll umzugehen, nicht mehr. Es waren einfach zu viele Menschen, die zu viel Müll produzierten. Das war die erste große Zäsur. Die zweite – und die wirklich große Zäsur – beginnt nach dem Zweiten Weltkrieg. Einerseits ist das Abfallaufkommen in der Zeit dramatisch angestiegen, andererseits hatte man es plötzlich mit einer anderen Art von Müll zu tun. Zuvor bestand dieser größtenteils aus Dingen, die irgendwann zu Kompost wurden. Nun kamen Plastik, Reste von Chemikalien und so weiter dazu, die nicht mehr vergehen und mit denen man anders umgehen musste.

Vor dem zweiten Weltkrieg bestand Müll größtenteils aus Dingen, die irgendwann zu Kompost wurden. Nun kamen Plastik oder Reste von Chemikalien dazu, die nicht mehr vergehen und mit denen man anders umgehen musste.
— Roman köster

Wurde der Müll zu dieser Zeit zu einem Problem?

Ein Problem war er zuvor auch schon, nur war es damals in erster Linie ein Platzproblem. Im 19. Jahrhundert wurde dann aus dem Platzproblem zunehmend auch ein Hygieneproblem. Die Städte hatten mit Cholera und Typhus zu kämpfen, weshalb beispielsweise Mülltonnen entwickelt wurden, um die Ratten vom Müll fernzuhalten. Im Grunde konnte man aber auch diese Probleme noch dadurch lösen, dass man den Müll einsammelt und wegbringt. Ab 1950 hat sich der Blick dann stark verändert. Von da an ging es um die Vergiftung der Umwelt durch die Ablagerung von Müll und auch um die Ablagerung von Schadstoffen im menschlichen Körper. Ab dieser Phase ist nicht mehr die Sammlung des Mülls das Problem, sondern die Entsorgung.

Worauf ist der dramatische Anstieg nach dem Zweiten Weltkrieg zurückzuführen – steigender Wohlstand und Massenkonsum?

Man muss da etwas genauer hinschauen. Einfach ein Schlagwort wie Massenkonsum hinzuwerfen, greift zu kurz. Wenn Sie in Ihre Mülltonne schauen, sehen Sie da in erster Linie Abfälle, die im Zusammenhang mit Lebensmitteln entstehen. Die Ausgaben für Lebensmittel liegen in Westeuropa bei unter zehn Prozent des Haushaltseinkommens. Es geht also überwiegend um einen Teil des Konsums, der auf der Ausgabenseite recht gering ausfällt. Daher ist die zentrale Frage nicht, wie viel wir konsumieren, sondern wie das, was wir konsumieren, hergestellt und verkauft wird. Früher sind wir mit dem Glasschälchen in den Tante-Emma-Laden marschiert, heute ist fast alles, das wir kaufen, auf Verpackung, Kühl- und Transportketten angewiesen – und auf Skaleneffekte: Also je mehr man produziert, desto billiger.

Wäre die globale Müllproblematik geringer, wenn man der Entsorgung gleich viel Aufmerksamkeit widmen würde wie der Produktion? 

Es wird in dem Bereich viel geforscht, gerade auch, weil in den entsorgten Dingen oftmals Elemente stecken, die durchaus stark gefragt sind – aber es ist extrem schwierig. Nehmen Sie eine einfache Käseverpackung. Die besteht aus fünf unterschiedlichen Plastikfolien, die kriegt man sehr leicht zusammen, aber sehr schwer wieder auseinander. Und das ist bei vielen Dingen so – insbesondere auch bei Elektrogeräten.

Stichwort Elektrogeräte: Oft wird ja kritisiert, dass diese schnell kaputt oder von Firmen gar so gebaut werden, dass sie nur eine gewisse Lebensdauer haben.

Da mache ich mich immer recht unbeliebt, wenn ich sage, dass ich nicht an geplante Obsoleszenz glaube. Ich habe kürzlich mit einem Mann gesprochen, der Toaster repariert. Der hat erzählt, er habe sich 100 Toaster vom Werkstoff-Hof geholt und wollte diese reparieren, aber einen Großteil davon musste er gar nicht reparieren, denn die waren nicht kaputt. Was ich damit sagen will: Die allermeisten Menschen holen sich kein neues Gerät, weil das alte kaputt ist, sondern weil es ein neues gibt.

Da mache ich mich immer recht unbeliebt, wenn ich sage, dass ich nicht an geplante Obsoleszenz glaube. Die allermeisten Menschen holen sich kein neues Gerät, weil das alte kaputt ist, sondern weil es ein neues gibt.
— Roman Köster

Was kann man als einzelner Mensch zum Thema Müllvermeidung beitragen – oder ist das Verhalten von Einzelpersonen im Hinblick auf die systematischen Probleme „eh schon wurscht“?

Streng genommen ist unser individuelles Verhalten eh immer wurscht. Daher ist es auch im Hinblick auf Müll in erster Linie eine ethische Frage. Denn wenn alle so denken, dann tut sich überhaupt nichts, und das verschlimmert die Lage halt schon.

Was können wir also tun?

Zuerst einmal müssen wir ehrlich über Müll diskutieren. Es gibt eine Studie, die zeigt, dass der Großteil an Plastikfalschen im Meer von nur vier Großkonzernen stammt. Da wird dann gerne so getan, dass die Konzerne alleine schuld sind. Ich denke aber, Coca-Cola wird darauf bestehen, dass sie Cola herstellen und keinen Müll. Es sind immer noch wir, die das in Müll verwandeln. Wir müssen uns also bewusst werden, das Müll auch etwas mit uns zu tun. Dass er nicht nur eine Bösartigkeit der Konzerne ist, sondern ein schwer zu entfernender Nebeneffekt einer Produktionsweise, von der wir alle profitieren.

Roman Köster ist Privatdozent an der Universität der Bundeswehr in München. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen Wirtschafts- und Unternehmensgeschichte, Umweltgeschichte und die Geschichte des ökonomischen Denkens.

 
Erschienen in der dritten Ausgabe von „Wir erzählen nur Müll“ im März  2025
Text: buero balanka
Fotos: Verlag C.H.Beck, Unsplash / Jas Min
 
Zurück
Zurück

Unnützes Müllwissen - Teil 2

Weiter
Weiter

Müll als Dünger verkaufen