Müll als Dünger verkaufen

Riese Plastikmüllberge in Indonesien oder Elektroschrottdeponien in Ghana – reiche Industrieländer verschiffen ihren Müll gerne in Länder des globalen Südens – auf ganz legalem Weg. Über das System dahinter spricht Globalisierungsforscherin Simone M. Müller.

Frau Müller, im Deutschlandfunk-Podcast haben sie unter anderem gesagt „Müll ist kolonial“. Was bedeutet das?

Müll betrachten wir oft mit der Prämisse „Aus den Augen, aus dem Sinn.“ Wir schmeißen ihn irgendwo rein und dann ist er weg und wir machen uns keine Gedanken mehr. Aber Müll verpufft nicht einfach, Müll braucht immer einen Ort. Da landet man schnell bei der Frage: Wo? Auch innerhalb eines Landes stehen Müllentsorgungsanlagen selten dort, wo der reiche Teil der Gesellschaft wohnt. Und global betrachtet sind es dann eben die Länder des Globalen Südens. Dadurch hat das Thema auch einen kolonialen Touch. Die reichen Industrieländer, die ihren Müll loswerden, indem sie ihn woanders hinbringen. Und die Frage nach dem „Wohin“ ist immer mit Macht verbunden.

Warum funktioniert der Handel mit Müll?

Es ist dasselbe Prinzip wie bei der globalen Produktion von Kleidung. Weltweit betrachtet gibt es eine Reihe von Ländern mit weniger Arbeits- und Umweltschutzmaßnahmen, einem niedrigeren Lohnniveau und billigerer Gesundheitsversorgung als in Europa. Diese ökonomischen Vorteile bringen sogenannte schmutzige Industrien in den Globalen Süden und werden oft von den Regierungen vor Ort auch aufrechterhalten. Denn das ist ja kein einseitiger Handel. Das Geschäft funktioniert nur, wenn es einen lokalen Partner gibt, der eine Genehmigung hat. Hinzu kommt, dass wir auch bei Müll einen globalen Markt haben, der aber auf ganz unterschiedlichen Regularien basiert.

Ökonomischen Vorteile bringen sogenannte schmutzige Industrien in den Globalen Süden und werden oft von den Regierungen vor Ort auch aufrechterhalten.
— Simone Müller

Was bedeutet das?

Es gibt Materialien, die bei uns schon längst verboten sind, in anderen Ländern aber nicht. Sobald dieses Material die Grenze überschreitet, kann es umklassifiziert werden. Dann ist es nicht mehr Müll, sondern beispielsweise ein Düngemittel oder Bindemittel zur Herstellung von Ziegeln. Solange es im Importland keine entsprechenden Regularien gibt, ist das ein vollkommen legaler Vorgang. Das war beispielsweise in den 70er-Jahren mit Pestiziden sehr stark zu beobachten.

Das wäre meine nächste Frage gewesen: Wann hat das globale Handeln mit Müll begonnen? 

In den 70er-Jahren gab es in den Industriestaaten die ersten Verbraucherschutzrichtlinien für zahlreiche Chemikalien. Die wurden praktisch über Nacht zu Müll – waren aber in anderen Teilen der Erde noch legal. Dadurch hat der Handel damit Fahrt aufgenommen. Ein ähnliches Muster gab es in den 80er-Jahren im Hinblick auf das Handeln mit „gewöhnlichem“ Müll. Aufgrund von Verschärfungen bei Umweltschutzgesetzen wurde es plötzlich günstiger, denn Müll ins Ausland zu exportieren, anstatt ihn dort zu entsorgen, wo er anfällt. Dadurch hat der genuine Handel mit Müll begonnen.

Gibt es „Müllkategorien“, die besonders stark gehandelt werden?

Es gibt immer wieder Phasen. Derzeit ist es vor allem der Plastikmüll. Es gibt immer wieder Verschiebungen – je nachdem wie produziert wird und welche Regularien es gibt. Aber auch Kampagnen von NGOs haben einen Einfluss.

Welche Länder sind die Hauptimporteure von Müll?

Auch das verschiebt sich immer wieder. China war lange Zeit der größte Importeur von Plastikmüll – bis ein Gesetz verabschiedet wurde, das den Import von Müll verboten hat. Der Handel mit Plastikmüll hat sich dann stark nach Indonesien verlagert. In Indien und Pakistan werden sehr viele Containerschiffe abgewrackt und Elektroschrott geht sehr stark nach Westafrika und Ghana. Es gibt immer wieder Länder, die eine bestimmte Nische anbieten. Zudem sind Müllhandelswege oft auch sehr individuell und basieren auf Handelsrouten, die schon zuvor existierten. Die USA exportieren sehr viel in Richtung Mexiko oder in den Karibikraum, westeuropäischer Müll geht eher nach Afrika oder Osteuropa.

Es handelt sich dabei, wie Sie sagen, um legalen Handel mit Müll. Welche Rolle spielt der illegale Handel?

Medial spielt dieser eine recht große Rolle, betrachtet man jedoch die Zahlen, ist die Menge an Müll, die illegal gehandelt wird, weniger ausschlaggebend. Natürlich gibt es immer wieder Geschichten von Korruption oder falsch deklarierten Ladungen, aber in Relation zur legalen Verschiffung ist das ein eher geringer Teil. Er eignet sich aber sehr gut, um mediale Aufmerksamkeit für das Thema zu generieren und es an die Öffentlichkeit zu bringen und Veränderungen anzustoßen.

Gibt es auch einen legalen, ökonomisch sinnvollen und moralisch vertretbaren Handel mit Müll?

Den gibt es durchaus – wenn er zwischen Akteuren stattfindet, die im Hinblick auf Arbeitsschutz und Umweltschutz  auf Augenhöhe agieren. Beispielsweise gibt es Anlagen, die mit extrem hohen Temperaturen arbeiten und große Volumen benötigen, um rentabel zu sein. So haben sich etwa die Niederlande auf große Müllheizkraftwerke spezialisiert und importieren für den Betrieb Müll aus anderen EU-Ländern. Bei dieser Form von Müllimport geht es nicht um das Nutzen von billigen Arbeitskräften, sondern um technologische Fragen. Aus ökologischer Sicht bleibt natürlich das Problem, dass der Müll dafür quer durch Europa transportiert wird.

Die Niederlande haben sich auf große Müllheizkraftwerke spezialisiert und importieren für den Betrieb Müll aus anderen EU-Ländern. Bei dieser Form von Müllimport geht es nicht um das Nutzen von billigen Arbeitskräften, sondern um technologische Fragen.
— Simone Müller

Wie kann der globale Handel mit Müll – der zwar legal ist, aber dennoch zu Lasten der ärmsten Menschen in den importierenden Ländern geht – eingedämmt werden?

Einerseits muss man sich die Frage stellen: Darf so ein System aus rein ökonomischen Gesichtspunkten funktionieren? Oder sollte man hier nicht auch die Menschenrechtsperspektive sehen? Denn wenn es o.k. ist, dass wir unseren Müll nach Indonesien verschiffen und dadurch die Menschen dort diesen toxischen Stoffen aussetzen, dann ist die Wertigkeit eines Menschen in Österreich höher als jene eines Menschen in Indonesien. Mit dem Basler Übereinkommen (Anm.:  weltweit geltende Regelungen über Zulässigkeit und Kontrolle von Exporten gefährlicher Abfälle) hätten auch die Importländer ein wirksames Instrument. Andererseits geht es um die Frage: Welche alternativen Wirtschaftsfelder gibt es für die importierenden Länder? Was könnten sie anstelle von billigen Arbeitskräften in den globalen Handel einspeisen? Denn sobald es nicht mehr billiger ist, den Müll in Indonesien zu entsorgen, verschifft ihn auch niemand mehr.

Als Einzelperson hat man auf beides einen recht geringen Einfluss.

Aber auch da gibt es Möglichkeiten. Das eine ist das Thema Müllentsorgung bzw. -vermeidung. Also das eigene Verhältnis zum Thema Müll zu überprüfen – wie viel produziere ich? Wie entsorge ich diesen? Da geht es natürlich auch um Konsum. Darüber hinaus kann man sich auch im Hinblick auf Umweltgerechtigkeit engagieren, etwa durch Mitgliedschaften bei NGOs oder die Unterstützung derer oder auch mit der Entscheidung am Stimmzettel. Es gibt schon verschiedene Formen, sich für das Thema Umweltgerechtigkeit einzusetzen, die nichts mit Müllproduktion und Konsumverhalten zu tun haben, sondern mit Haltung.

Simone Müller ist Umwelt- und Globalhistorikerin mit besonderem Fokus auf Globalisierungs-prozesse, das Verhältnis zwischen Ökologie und Ökonomie und das Zeitalter des Anthropozäns.

 
Erschienen in der dritten Ausgabe von „Wir erzählen nur Müll“ im März  2025.
Text: buero balanka
Fotos: Pexels Tomfisk, simone Müller
 
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