Die Pfandflasche ist eine warme Mahlzeit!

Pfandflaschen im Restmüll landen sind aus ökologischer Sicht problematisch. Eine deutsche Initiative legt den Fokus darüber hinaus auf den sozialen Aspekt. Pfandsammler*innen sollen nicht im Müll wühlen müssen. Ähnliche Ansätze gibt es auch in Österreich.

 

Es muss irgendwann im Jahr 2011 gewesen sein, als Matthias Seeba-Gomille mit seiner Frau durch Berlin spaziert ist. In der Hand hatte er eine Pfandflasche, genauer gesagt: eine leere Pfandflasche. Diese wollte er nicht länger mit sich rumtragen und sie, ohne groß zu überlegen, im nächsten öffentlichen Mülleimer entsorgen. Laut Erzählung wurde er von seiner Frau davon abgehalten: „Ne, nicht in den Müll. Da müssen Menschen dann im Müll wühlen“, soll sie gesagt haben. Erst dadurch wurde ihm die Thematik so richtig bewusst. Meist sind es Obdachlose, die Pfandflaschen sammeln und sich ein paar Euro damit verdienen, diese korrekt zu retournieren und somit in den Kreislauf zurückzuführen. Seeba-Gomille ließ das keine Ruhe. Weil er überzeugt war, dass er nicht der Einzige ist, dem diese Thematik nicht wirklich bewusst ist. Also gründete er eine Facebook-Seite mit dem Titel „Pfand gehört daneben“. Die ersten 10.000 Follower waren schnell erreicht, Sticker wurden produziert, und die Initiative verbreitete sich schnell in ganz Deutschland.

2012 folgte dann die erste große Partnerschaft: fritz-kola druckte das PGD-Logo aufs Etikett. „Wir fanden die Idee super. Und das tun wir noch heute. Weil sie zwei Hebel bedient: den sozialen und den Umweltaspekt. Und natürlich profitieren wir als Unternehmen massiv davon, wenn möglichst viele Flaschen zurückgebracht werden“, so Mirco Wolf Wiegert, Gründer und Geschäftsführer von fritz-kola. Aufgrund des enormen Zuspruchs wurde es bald zu viel Aufwand für die ehrenamtlichen Gründer um Matthias Seeba-Gomilla, und so gliederte fritz die Initiative ins Unternehmen ein. „Da mussten wir gar nicht lange überlegen, die Sache ist gut. Wir haben dann gesagt, wir öffnen die Initiative als Plattform auch für Mitbewerber mit Mehrweg-Glasflaschen“, so Wiegert.

 
Im Bild zu sehen Mirco Wolf Wiegert, der Gründer und Geschäftsführer von fritz-kola.

Mirco Wolf Wiegert, Gründer und Geschäftsführer von fritz-kola

Viele Millionen im Müll

Die Ziele von PGD sind schnell erklärt: Bewusstsein schaffen. Bewusstsein dafür, dass eine leere Pfandflasche kein Müll ist, sondern eine Ressource. Sowohl aus ökologischer Sicht als auch für bedürftige Menschen. Letzteren will man auch helfen, ihre Würde zu wahren – weil sie eben nicht in Mülltonnen nach Pfandflaschen wühlen müssen. PGD ist auch heute noch wichtig. „Nach wie vor landen jährlich Flaschen im Wert von zig Millionen Euro im Müll. Das ist eine absolute Verschwendung“, so Fromme.

Die Sticker von PGD entdeckt man auf unzähligen Mülleimern in ganz Deutschland. Geklebt wurden sie von Volontären oder Menschen, die sie kostenfrei über die Website bestellt haben. Warum die Initiative auch so stark von der Zivilgesellschaft getragen wird? „Es ist superleicht und verständlich. Die Hemmschwelle, da mitzumachen, ist extrem niedrig“, so Fromme. Neben den Stickern gibt es beispielsweise auch eine Kooperation mit dem Modelabel „Hafendieb“, das entsprechende Shirts und Beutel verkauft. Der Erlös kommt zur Gänze den sammelnden Menschen zugute. Ebenso unterstützt PGD auch die Anbringung von sogenannten Pfandringen – quasi runden Flaschenhaltern, die außen an öffentlichen Mülleimern angebracht werden, um Pfandflaschen darin abzustellen. In rund 70 deutschen Städten sind diese mittlerweile zu finden. PGD unterstützt die Anbringung vor allem mit kommunikativen Maßnahmen – damit den Menschen bewusst ist, dass diese Ringe ausschließlich für Pfandflaschen gedacht sind. Seit der Einführung des Pfands auf PET-Flaschen und Getränkedosen finden sich auch in österreichischen Städten – beispielsweise in Linz, Graz oder Innsbruck – solche Ringe.

Neben PGD gibt es noch zahlreiche weitere Initiativen, die das Pfandsystem mit einem sozialen Ansatz koppeln. So gibt es beispielsweise bei den Pfandrückgabeautomaten einen Spendenknopf. Wird er gedrückt, wird das Geld nicht rückerstattet, sondern an ausgewählte Projekte gespendet.

 

Doch es gibt auch Kritik. Beispielsweise jene, dass Aktionen wie der Pfandring oder generell die Initiative PGD dazu führen, dass diesen Menschen ihre ohnehin geringe Einkommensquelle genommen wird – weil die Flaschen dann auch von nicht bedürftigen Personen mitgenommen werden. „Wie sieht denn ein Pfandsammler oder eine Pfandsammlerin aus?“, stellt Fromme eine Frage in den Raum. Was er damit sagen möchte: Es lässt sich aus einer Beobachterperspektive nicht sagen, ob Menschen, die die Flaschen mitnehmen, auch darauf angewiesen sind.

„Viele Menschen schämen sich für ihre Armut und versuchen, sie zu verstecken.“ Hingegen ist er sich sicher, dass kein Mensch mit hohem Einkommen durch die Stadt laufen wird, um Pfand einzusammeln. Die Begründung: Ein Pfandsammler verdiene in zwei, drei Stunden rund 1,80 Euro. „Und wenn einmal ein Typ mit Aktenkoffer eine Flasche mitnimmt, super – das hilft dem Pfandsystem.”

Andere kritische Stimmen merken an, dass Pfandsammeln nicht als Lösung für Armut und Obdachlosigkeit präsentiert werden dürfe. Wiegert kennt diese Kritik: „Das hören wir immer wieder. Und ich finde die Kritik gut, wirklich. Aber wir müssen schauen: Was können wir leisten?“, so der Gründer von fritz-kola. „Dass das nicht die Lösung des Grundproblems ist, ist klar. Wir werden Armut damit nicht abschaffen. Aber wir können einen ganz kleinen Beitrag leisten, um die Situation zu verbessern. Denn entweder man stellt die Flasche daneben, oder man lässt die Leute im Mistkübel wühlen.“ Ähnlich sieht es auch Fromme: „Niemand macht ein Pfandsystem, um damit Obdachlosen zu helfen. Aber wenn es unsere Initiative nicht gäbe, würde es das Pfandsystem genauso geben, nur würden weniger Flaschen zurückkommen und die Menschen müssten im Müll wühlen. Überall dort, wo es ein Pfandsystem gibt, wird es auch Menschengeben, die Pfand sammeln. Weil die Flasche eben kein Müll ist, sondern für manche Menschen indirekt eine warme Mahlzeit.“

 
Aktualisierte Fassung / Originalfassung erschienen in der ersten Ausgabe von „Wir erzählen nur Müll“ im Juni 2021
TEXt: buero balanka
Fotos: Achenbach
 
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