So ein Mist
Sport und Müll haben auf den ersten Blick nicht so viel gemeinsam. Doch dann gibt es achtlos weggeworfene Plastikflaschen, die Radsportlern zum Verhängnis werden, und Papierabfall, der ein Fußballspiel entscheidet.
Der Hamburger Sport-Verein und die Papierkugel
Die Fußballabteilung des Hamburger Sport-Vereins (HSV) hat schon glorreichere Zeiten erlebt als die aktuellen. Viele Fans sehen den Beginn des langsamen Niedergangs des Traditionsvereins in einem verrückten Match im Jahr 2009. Es war das Rückspiel im UEFA-Cup-Halbfinale. Die Hamburger standen Werder Bremen gegenüber. Zwei deutsche Vereine im direkten Duell in einem europäischen Bewerb – nicht alltäglich. Und dann auch noch Nord-Derby. Hansestadt gegen Hansestadt.
Also sicher mehr als nur ein einfaches Fußballspiel. Die Wochen davor trugen nicht dazu bei, dass die Begegnung weniger brisant war: Im nationalen Pokal schied der Hamburger SV zuvor nach Elfmeterschießen im Halbfinale aus – ebenfalls gegen die Werder aus Bremen. Das Hinspiel im Halbfinale des UEFA-Cups entschied der HSV in Bremen mit 1:0 für sich. Am 7. Mai 2009 dann das Rückspiel. Die Hamburger lagen im eigenen Stadion mit 1:2 zurück und warfen alles nach vorne, um doch noch den Ausgleich zu erzielen und sich somit für das Finale in Istanbul zu qualifizieren.
Als der HSV-Verteidiger Michael Gravgaard den Ball zu Tormann Frank Rost zurückpassen wollte, flog eine zusammengeknüllte Papierkugel aus der Choreografie der eigenen Fans auf das Spielfeld. Der Papiermüll traf den Ball und lenkte ihn so ab, dass er am Schienbein von Gravgaard landete. Aus dem beabsichtigten Rückpass zum eigenen Torhüter wurde so ein Pass ins Out. Es gab Eckball für Werder Bremen. Frank Baumann traf zum 3:1 – die Vorentscheidung. Dem HSV gelang in der 87. Minuten zwar noch der Anschlusstreffer, aber die Niederlage und das Ausscheiden waren nicht mehr abzuwenden.
Der Tour-de-France-Sieger und die Plastikflasche
Im Jahr 2018 hatte der britische Rennradsportler Geraint Thomas bei der Tour de France allen Grund zum Jubeln. Denn er gewann nicht nur zwei Tagesetappen, sondern auch die Gesamtwertung des prestigeträchtigsten Radrennens der Welt. Dabei legen die Profisportler innerhalb von drei Wochen rund 3.500 Kilometer auf dem Rad zurück. Die Tour de France gilt als die größte jährlich stattfindende Sportveranstaltung der Welt. Ein Jahr später gab es für Thomas an derselben Stelle weniger Anlass zur Freude. Im Gesamtklassement reichte es nur für Platz zwei – hinter seinem Teamkollegen Egan Bernal –, und außerdem hatten es die Rennkommissäre auf ihn abgesehen. Grund dafür: Thomas hatte während einer Etappe eine leere Trinkflasche nicht ordnungsgemäß entsorgt.
Die Folge: 200 Franken Strafe. Denn – wie bei allen professionellen Radrennen – gibt es auf den Etappen der Tour de France nur bestimmte Abschnitte, in denen das Wegwerfen von Flaschen oder Verpackungsmaterial erlaubt ist. So soll verhindert werden, dass entlang der gesamten Strecke Müll liegen bleibt. Dieser muss nach einer absolvierten Etappe von den Verwaltungen der durchfahrenen Départements selbst beseitigt werden. Im Jahr 2018 sammelte die Gebietskörperschaft Haute Savoie beispielsweise 43 Kubikmeter Müll auf 150 Kilometern Rennstrecke. Der Großteil des Abfalls stammt allerdings nicht von den Sportlern. Schuld an den großen Mengen an Müll ist die Werbekarawane, die dem Fahrerfeld vorauseilt.
Sie wurde in den 1930er-Jahren eingeführt und besteht aus einer Kolonne von rund 160 aufwendig gestalteten Reklamefahrzeugen. Von diesen aus werden jedes Jahr – bis zu 15 Millionen Werbeartikel ins Publikum geworfen. Viele davon bleiben am Straßenrand zurück. Das sorgt für Kritik von den teilnehmenden Gemeinden und Umweltschutzorganisationen. Der Radsportweltverband (UCI) reagiert nur verhalten und verweist darauf, dass die Menge der verteilten Artikel jedes Jahr reduziert wird. Ob das Konzept der Werbekarawane im 21. Jahrhundert noch zeitgemäß ist und prinzipiell zum Radsport passt, steht für die UCI nicht zur Diskussion.
Aktualisierte Fassung / Originalfassung erschienen in der ersten Ausgabe von „Wir erzählen nur Müll“ im Juni 2021 .Text: buero balankafotos: chat GP