„63% aller Lebensmittelabfälle fallen in den Privathaushalten an“
Jedes Jahr fallen in Österreich rund 1,2 Millionen Tonnen an Lebensmittelabfällen an. Das entspricht 130 Kilogramm pro Person. Bis zum Jahr 2030 soll die Menge um die Hälfte reduziert werden. Dazu werden soziale Organisationen unterstützt, die als Drehscheibe zur Weitergabe von Leben mitteln fungieren, der Handel hat sich zu Transparenz verpflichtet und die Bewusstseinsbildung bei den Bürger*innen wird verstärkt. Beim letzten Punkt kommt der Verein „Land schafft Leben“ ins Spiel. Seit mehr als zehn Jahren macht er sich zur Aufgabe, den Konsument*innen in Österreich transparent zu zeigen, wie Lebensmittel produziert werden. Was das mit Lebensmittelverschwendung zu tun hat, wo der Unterschied zu Lebensmittelverlusten liegt und welche Rolle Kinder und Jugendliche dabei spielen, erklärt Hannes Royer – Gründer des Vereins – im Interview
Was war die Intention, um Land schafft Leben zu starten?
Maria Fanninger, mit der ich Land schafft Leben gegründet habe, und ich haben damals bereits gemeinsam einen Bauernladen betrieben. Dort haben wir bemerkt, dass den Menschen völlig der Bezug zu Lebensmitteln fehlt und sie ihre Kaufentscheidungen hauptsächlich auf Basis des Preises treffen. Als Bergbauer war mir schnell klar: Wenn das so weitergeht, wird es die österreichische Landwirtschaft nicht mehr lange geben. Wir waren überzeugt, dass etwas passieren muss – und aus dem heraus ist die Idee für Land schafft Leben entstanden. Seither klären wir mit unserem Team über Lebensmittel auf, über ihre Produktion und darüber, wie sich unser Essen auf Mensch, Tier, Umwelt und Gesundheit auswirkt. Damit die Menschen mehr Informationen haben, anhand derer sie die für sie richtige Kaufentscheidung treffen können.
Wie hat sich das Arbeitsfeld seit der Gründung des Vereins verändert?
In den vergangenen zehn Jahren hat sich im Lebensmittelbereich sehr viel getan. Die Menschen interessieren sich heute deutlich mehr dafür, woher ihr Essen kommt und wie es produziert wird. Auch in der Gastronomie und im Handel wird das immer wichtiger. Gleichzeitig sehen wir, dass aufgrund der Teuerung der Preis beim Einkauf wieder stärker in den Vordergrund rückt. Das zeigt uns, dass wir noch viel zu tun haben, um den Menschen klarzumachen, wie groß die Auswirkungen ihrer Entscheidungen im Supermarkt auf Umwelt, Gesundheit und Gesellschaft sind.
Was ist das zentrale Ziel von Land schafft Leben?
Wir wollen den Menschen bewusst machen, wie viel sie mit ihrer Kaufentscheidung bewegen können – sei es im Supermarkt oder im Gasthaus. Jede Kaufentscheidung wirkt sich auf Mensch, Tier, Umwelt und Gesundheit aus. Und jeder Griff ins Regal ist gleichzeitig ein Produktionsauftrag. Unsere Mission ist es, die Menschen zu Eigenverantwortung zu motivieren und sie dafür zu sensibilisieren, wie groß ihr Einfluss mit jeder Kaufentscheidung ist.
„Wenn das so weitergeht, wird es die österreichische Landwirtschaft nicht mehr lange geben.“
Wie steht es um das Wissen der Österreicher*innen, wenn es um die Herkunft, Produktion, Verschwendung etc. von Lebensmitteln geht?
Die Menschen wissen heute deutlich weniger über ihr Essen als noch vor einigen Jahrzehnten. Das ist nur logisch, denn im Gegensatz zu damals stellt heute kaum jemand seine Lebensmittel noch selbst her. Ich glaube auch, dass wir im Vergleich zu Ländern wie Italien oder Frankreich, wo Kulinarik eine viel größere Rolle spielt als bei uns, auch weniger über unser Essen wissen. Ganz einfach, weil wir weniger Bezug dazu haben. Generell merken wir in unserer Arbeit, dass sich die Menschen zwar grundsätzlich für ihr Essen interessieren, aber noch nicht ganz verinnerlicht haben, wie groß die Auswirkungen ihres Essens auf ihre Gesundheit, ihre Umwelt und ihr Leben im Allgemeinen tatsächlich sind. Hier gibt es also jedenfalls noch große Wissenslücken. Am Thema Lebensmittelverschwendung sieht man das sehr gut: Viele Lebensmittel landen im Müll, weil die Menschen nicht wissen, wie sie richtig gelagert werden oder was das Mindesthaltbarkeitsdatum eigentlich bedeutet.
Welche Rolle spielen Kinder und Jugendliche in der Arbeit von Land schafft Leben?
Wenn wir langfristig eine gesündere und bewusster konsumierende Gesellschaft erreichen wollen, müssen wir bei der nächsten Generation ansetzen. Deshalb haben wir 2021 die größte österreichweite Bildungsinitiative in diesem Bereich ins Leben gerufen: den Lebensmittelschwerpunkt. Unser Ziel ist es, die Kinder mit Ernährungsbildung, Konsumkompetenz und Wissen rund um Lebensmittel auszustatten – und das in jedem Klassenzimmer. Dazu stellen wir umfangreiche Lehrmaterialien zur Verfügung, die mittlerweile über 250.000-mal heruntergeladen wurden.
Sollte Lebensmittelkunde ein fixer Bestandteil im Schulunterricht sein?
Ja, unbedingt. Lebensmittelkunde gehört genauso ins Klassenzimmer wie Lesen, Schreiben und Rechnen. Es geht um nichts weniger als die Zukunft unserer Kinder und unserer Gesellschaft. Wir fordern, dass Ernährungsbildung, Konsumkompetenz und Lebensmittelwissen fester Bestandteil des Schulunterrichts werden. Aber das reicht nicht. Wir brauchen auch eine bedarfsgerechte Verpflegung in Schulen und Kindergärten, damit jedes Kind in Österreich die Chance auf eine gesunde Mahlzeit hat. Das ist für uns eine Frage der Gerechtigkeit und eine Aufgabe, die auch die Politik in Zukunft angehen muss.
Was braucht es, um in der Bevölkerung noch mehr Bewusstsein für die Themen rundum Lebensmittel zu schaffen?
Es braucht ein Zusammenspiel von allen. Aufklärungsarbeit, wie wir sie betreiben, ist zwar wichtig und kann sicher etwas bewegen. Um grundlegende Veränderungen zu bewirken, braucht es aber auch das Mitwirken der Landwirtschaft, des Handels, der Gastronomie, der Politik und aller anderen Akteure, die im Lebensmittelsystem eine Rolle spielen. Ich bin hier aber sehr zuversichtlich, denn man merkt, dass sich durchaus etwas tut. Ein ganz wichtiger Aspekt ist auch die Transparenz entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Hier braucht es unbedingt politische Rahmenbedingungen in Form einer verpflichtenden Herkunfts- und Haltungskennzeichnung. Denn aufgeklärte Konsument*innen können nur dann bewusste Kaufentscheidungen treffen, wenn sie auch erfahren, wo ein Lebensmittel herkommt und wie es produziert worden ist.
„Lebensmittelkunde gehört genauso ins Klassenzimmer wie Lesen, Schreiben und Rechnen.“
2023 gab es in Österreich eine Novelle des Abfallwirtschaftsgesetzes (2023) zur Meldepflicht von Lebensmittelabfällen. Wie wirkt sich diese konkret aus?
Diese Meldepflicht gilt für große Lebensmittelhändler und Supermarktketten. Interessant ist, dass der Lebensmittelhandel bereits vor dieser Novelle die Lebensmittelmenge, die nicht regulär verkauft wurde, gemeldet hat. Dadurch liegen bereits seit Jahren konkrete Zahlen über den anfallenden Lebensmittelmüll im Handel vor. Lebensmittelverschwendung passiert aber in fünf Bereichen: in den Privathaushalten, dem Außer-Haus-Verzehr, der Verarbeitung, den Supermärkten und Großhändlern und in der landwirtschaftlichen Produktion. Mit rund zehn Prozent macht der Lebensmittelhandel den geringsten Anteil aus. Zum Vergleich: Etwa 63 Prozent aller Lebensmittelabfälle fallen in den Privathaushalten an. Es stellt sich also die Frage, wie sinnvoll es ist, dass ausschließlich der Lebensmittelhandel herausgepickt wird. Um tatsächlich die Lebensmittelabfälle in Österreich reduzieren zu können, braucht es viel mehr als Dokumentationen. Nämlich: Bewusstseinsbildung. Denn wer Lebensmittel wertschätzt, wirft sie auch nicht so leichtfertig weg.
Um welche Themen soll es bei der Bewusstseinsbildung vor allem gehen?
Das Mindesthaltbarkeitsdatum oder die richtige Lagerung sind beispielsweise wichtige Punkte. Hier lohnt es sich, in der Bildung anzusetzen. Nicht jeder lernt zuhause, wie man bewusst mit Lebensmitteln umgeht, deshalb ist es umso wichtiger, dieses Wissen in der Schule zu vermitteln. Dadurch entsteht außerdem ein wichtiger Multiplikator-Effekt: Die Kinder und Jugendlichen nehmen das Gelernte mit nach Hause und geben es zum Beispiel an die Geschwister und Eltern weiter. Man kann das mit dem Thema Recycling vergleichen. Die meisten von uns haben das vermutlich in der Schule gelernt und wenden dieses Wissen tagtäglich an – bis heute. Und genauso sollte es mit Lebensmittelwissen und Konsumkompetenz sein.
Für viele Menschen ist zum Beispiel die zwei Tage alte Semmel, die zwar noch essbar, aber auch schon steinhart ist, und deshalb weggeworfen wird, die klassische Lebensmittelverschwendung. Warum beginnt Lebensmittelverschwendung aber schon bei der Produktion?
Bis zu einem Drittel aller weltweit produzierten Lebensmittel wird nicht gegessen. Umgangssprachlich wird immer der Begriff Lebensmittelverschwendung genutzt, aber genau genommen kann man zwischen Verlust und Verschwendung unterscheiden. Von Verschwendung spricht man, wenn Nahrungsmittel von Supermärkten oder Konsument*innen weggeworfen werden. Verluste hingegen entstehen auf dem Weg in den Supermarkt. Beispielsweise wenn Getreide bei der Ernte am Feld zurückbleibt oder wegen falscher Lagerung verrottet. Auch bei der Verarbeitung können Verluste entstehen, beispielsweise wenn Schweinefleisch zu Salami weiterverarbeitet wird.
Und was kann man dagegen tun?
Mit Lebensmittelverlusten direkt bei der landwirtschaftlichen Produktion oder bei der Verarbeitung haben vor allem ärmere, weniger fortschrittliche Länder zu kämpfen. Hier bräuchte es zum Beispiel bessere Ernte-, Transport- oder Kühltechnik. Verschwendung passiert vorrangig in reicheren Ländern und ist somit eigentlich ein Luxusproblem. Wir erinnern uns an die fünf Bereiche der Lebensmittelverschwendung: In Handel und Gastronomie versucht man bereits, weniger Lebensmittel zu entsorgen. Aber mehr als die Hälfte des Lebensmittelmülls in Österreich fällt in den privaten Haushalten an. Rund 800 Euro schmeißen wir pro Haushalt jedes Jahr in Form von Lebensmitteln weg. Viele Lebensmittel landen außerdem aus rein optischen Gründen im Müll. Konsument*innen erwarten sich makelloses Obst und Gemüse. Unter anderem aus diesem Grund müssen Landwirt*innen nicht normschöne Lebensmittel aussortieren. Aber nur, weil ein Apfel leicht schorfig oder eine Karotte unförmig gewachsen ist, bedeutet das nicht, dass das den Geschmack oder die Inhaltsstoffe negativ beeinflusst. Wir müssen also vor allem für mehr Bewusstsein für die Problematik sorgen, über die Folgen von Lebensmittelverschwendung aufklären und den Menschen zeigen, wie sie ihren Lebensmittelmüll einfach reduzieren können. Denn jede*r kann einen wichtigen Teil zu weniger Lebensmittelverschwendung beitragen.
Erschienen in der dritten Ausgabe von „Wir erzählen nur Müll“ im März 2025Text: buero balankaFotos: Land Schafft Leben