„Dinge verschwinden nicht“

Der Dokumentarfilm „WEG DAMIT – die Kunst des Entsorgens“ beschäftigte sich mit all jenen Dingen, die wir gerne loswerden wollen. Und mit Menschen, die sich darum kümmern. Regisseurin Karin Berghammer spricht darüber, warum wir als Gesellschaft lieber wegschauen.

 

In Ihrem Dokumentarfilm beschäftigen Sie sich intensiv mit dem Thema Müll. Warum genau dieses Thema?

Berghammer: Mich beschäftigt Müll schon, seit ich denken kann. Als Pubertierende habe ich ein Gespräch von meinem Vater – er war Möbelproduzent – mit seinem Produktdesigner mitgekriegt. Da ging es darum, dass langlebige Möbel eigentlich kontraproduktiv für das Unternehmen sind. Damals hat mich diese Erkenntnis extrem schockiert. Heute denke ich mir: „Ja, ist ja logisch.“ Das System, in dem wir leben, ist sehr stark auf Wachstum programmiert. Wir müssen produzieren, kaufen und konsumieren. Und dabei produzieren wir auch Müll, allein schon mit den Verpackungen, die wir mitkaufen. Zudem interessiere ich mich grundsätzlich sehr stark für diese „Randthemen“. Also Themen, bei denen wir als Gesellschaft gerne wegschauen. Wir versuchen ja, den Müll verschwinden zu lassen. Wir glauben, dass er verschwindet, nur weil wir uns nicht mehr damit auseinandersetzen müssen.

Sie haben auch schon Filme über die Arbeit von Hebammen oder am Zentralfriedhof gemacht. Was macht den Reiz dieser Themen aus?

Ich war selbst einmal Hebamme. Da habe ich festgestellt, dass das ein sehr faszinierender
Bereich ist, der stark tabuisiert wird. Ich habe das nicht wirklich verstanden, weil da so viel Schönheit drinnen steckt. Aber in unserer „Saubermenschengesellschaft“ haben wir einen sehr verqueren Blick darauf. Die Schönheit in diesen Themen – egal ob Geburt, Tod oder Müll – fasziniert mich einfach. Zudem bewundere ich jene Menschen, die sich im Zuge ihrer Arbeit tagtäglich damit beschäftigen. Diesen Menschen möchte ich eine Bühne bieten, denn oftmals erfahren sie in unserer Gesellschaft keine große Wertschätzung. Man denkt sich: „Das möchte ich nicht machen. Die sind so arm.“ Dabei habe ich gerade im Entsorgungsbereich ganz tolle Menschen kennengelernt, die auch ihren Spaß haben und mit ganz unterschiedlichen Herausforderungen konfrontiert sind.

Wir müssen produzieren, kaufen und konsumieren. Und dabei produzieren wir auch Müll, allein schon mit den Verpackungen, die wir mitkaufen.
— Karin Berghammer

Mitarbeiter der MA48. Protagonisten im Film von Karin Berghammer

Zum Beispiel?

Die müssen ja unter allen Bedingungen arbeiten. Beispielsweise hat mir einer erzählt, dass er beim Hochwasser 2002 drei Wochen lang bei strömendem Regen die zerstörten Habseligkeiten der Menschen einsammeln und entsorgen musste. Und dass er sich manchmal in den Lastwagen gesetzt hat und einfach nur losheulen musste. Nicht weil die Arbeit so anstrengend war, sondern weil ihm die Menschen so leidgetan haben.

Wie ist deren eigene Erfahrung hinsichtlich der Wertschätzung für ihren Beruf?

Genau diese Frage stelle ich im Film auch zwei Müllmännern in Niederösterreich. Die beiden erzählen, dass sie gerade in der ersten Pandemiewelle sehr viel Wertschätzung erfahren haben, Menschen haben ihnen dankbar zugenickt und sie beklatscht. In der zweiten Welle war es damit aber schon wieder vorbei. Es war wohl eher eine Ausnahme, dass sie tatsächlich als systemrelevant wahrgenommen wurden. Im Alltag werden sie eher als Ärgernis gesehen, weil sie beispielsweise im Weg stehen und die Menschen warten müssen. Eine Ausnahme sind die Kinder: Die kommen auf die Straße und winken ihnen zu und freuen sich.

Eine wichtige Protagonistin in Ihrem Film ist auch die Künstlerin und Philosophin Elisabeth von Samsonow. Gerade in der Kunst wird vergleichsweise häufig mit Müll in unterschiedlichster Form gearbeitet. Warum ist Müll so ein interessantes Material für Künstler*innen?

Kunst muss auch dorthin schauen, wo es unangenehm werden kann. Egal worum es geht, es kann ja nicht die Lösung sein, dass wir einfach so tun, als ob es nicht da wäre. Dinge verschwinden ja nicht, nur weil wir sie unsichtbar machen. So ist es auch mit Müll. Auch wenn wir ihn wegbringen lassen aus dem Alltag, bleibt er ja trotzdem da und beschädigt unseren Erdball. Viele Künstler*innen sehen es als ihre Aufgabe, jene Themen ans Licht zu bringen, die wir als Gesellschaft gerne verdrängen.

Was in Ihrem Film auch deutlich wird: Müll ist mitunter etwas sehr Privates. So sagt beispielsweise Bernhard Bogner von der Müllverbrennungsanlage Dürnrohr: „Du schaust, wenn du in die Mülltonne schaust, in das Intime der Leute.“

Besonders interessant war das natürlich in Sankt Barbara. Da gab es ein Pilotprojekt, bei dem die Restmülltonnen gechipt werden, und beim Entleeren im Müllwagen wird der Inhalt
gescannt. Dazu erhalten die Teilnehmer*innen dann Feedback auf ihr Handy, wenn sie das wollen. Wenn man sich das genau überlegt, ist das schon ein ziemlicher Hammer. Denn das, was du an Müll produzierst, das sagt schon ganz schön viel über dich aus. Da wird sehr viel über einen Menschen preisgegeben. Das ist auch im Hinblick auf Datenschutz ein spannendes Thema. Aber die Bevölkerung hat das stark mitgetragen, auch weil viel Aufklärung passiert ist. Und der Bürgermeister meinte, dass dadurch viel weniger Glas oder Papier im Restmüll landet.

Factbox: Karin Berghammer arbeitete einst als Hebamme und entwickelte im Zuge dessen ein neuartiges Gebärbett. Anschließend absolvierte sie diverse Ausbildungen im Bereich Film in Kalifornien, Berlin und Krems. Von 2005 bis 2013 war sie Produktionsleiterin bei Amour Fou, 2018 gründete sie die Produktionsfirma berg hammer film.

 
Gekürzte Version / Originalversion Erschienen in der zweiten Ausgabe von „Wir erzählen nur Müll“ im April 2023
Text: buero balanka
Fotos: berg hammer film
 
Zurück
Zurück

Kaufen! Kaufen! Kaufen?  

Weiter
Weiter

Aus Papier wird Papier