„Zuhause schlafen, ist das Wichtigste“

Tag für Tag sind die Mitarbeiter der Nemetz Entsorgung und Transport AG mit ihren Lkw unterwegs, um die unterschiedlichsten Müllfraktionen von Gewerbe kund*innen abzuholen. Dabei lenken sie nicht nur die Fahrzeuge, sondern leeren teilweise auch selbst die Tonnen. Ein Job, der neben voller Konzentration auch körperliche Fitness und Kraft erfordert. Unser Redakteur Harald hat Nemetz-Mitarbeiter Dejan einen Tag lang am Beifahrersitz begleitet.

 

Der Winter zeigt sich nicht von seiner charmantesten Seite, als ich die Metalltreppen zur Disposition der Nemetz Entsorgung und Transport AG in den ersten Stock hinaufsteige. Das Büro befindet sich in mehreren Containern, die direkt neben der Fahrzeugwaage am weitläufigen Betriebsgelände positioniert sind. Drinnen ist es wohlig warm, aber draußen feucht-kalt und stockdunkel. Die Mitarbeiter*innen bieten mir an, dass ich gerne hier warten kann, bis Lkw-Fahrer Dejan – dessen Begleiter ich für einen Tag sein darf – mich abholt. Wenig später öffnet sich die Tür und ein mittelgroßer Mann mit freundlichem Lächeln und kräftigen Händedruck begrüßt mich: „Servus, ich bin der Dejan. Wir fahren heute gemeinsam.“ Er nimmt noch schnell einige Zettel aus einem Plastikablagefach und schon verabschieden wir uns von den Büromitarbeiter*innen. Dejans Arbeitsgerät – ein grün-gelber Lkw mit Hecklader – steht nur einige Meter entfernt. Als Erstes gibt es eine kurze Einführung zum Thema Sicherheit für mich. Dejan erklärt mir ganz genau, wo ich bei einem Halt stehen darf und wo nicht, wo ich vorbeigehen darf oder nicht und wo ich weder stehen, gehen, sitzen, liegen oder sonst etwas darf. Und besonders wichtig: Sowohl beim Einsteigen ins als auch beim Aussteigen aus dem Fahrerhaus immer mit beiden Händen festhalten. „Sonst gibt es Ärger“, sagt Dejan streng und lächelt sofort wieder.

Schon nach wenigen Hundert Metern auf der Achauerstraße in Leopoldsdorf wird klar: Dejan ist ein Mensch, mit dem man gerne viele Stunden gemeinsam in einem wenige Quadratmeter großen Fahrerhaus verbringt. Er erzählt viel und gerne, hört aber auch aufmerksam zu. Und auch die Stille – immer, wenn der Verkehr besonders viel Aufmerksamkeit benötigt – ist nicht unangenehm. „Bald arbeite ich 20 Jahre bei Nemetz“, erzählt der 52-Jährige. Geboren ist Dejan in Paraćin in Ex-Jugoslawien (heute: Serbien). Schon vor den Jugoslawienkriegen kam er zu seinem Vater nach Österreich, der zu diesem Zeitpunkt bereits seit ein paar Jahren hier lebte.

 

„Ich habe dann Spengler und Lackierer gelernt und den Beruf viele Jahre später in Serbien selbstständig ausgeübt.“ Denn von 2002 bis 2006 lebte Dejan mit seiner Frau und seinen Kindern in seiner Heimat. Davor war er als Lkw-Fahrer für einen großen fleischverarbeitenden Betrieb in Wien und Niederösterreich tätig. Und als er zurück nach Österreich kam, fing er bei Nemetz an zu arbeiten. Nach gut 20 Minuten Fahrzeit ist unser erster gemeinsamer Stopp – einen hatte Dejan schon hinter sich, als wir uns um kurz vor sieben Uhr trafen. Es ist eine Filiale einer großen österreichischen Supermarktkette. „Heute holen wir Plastik ab, wir fahren aber auch mit Restmüll, Papier und Biomüll“, sagt Dejan. „Jeden Tag ist etwas anderes dran.“ Bevor wir die Fahrerkabine verlassen, füllt Dejan mehrere Zettel aus. An- und Abfahrtszeit werden bei jeder Station genau vermerkt. Danach ziehen wir die dicken Jacken an, denn draußen ist es noch immer kalt. Dejan hat den Lkw nahe an der Tür des Müllraums geparkt. Nach und nach rollt er Tonne um Tonne ins Freie, befestigt sie an der hydraulischen Hub-Kippvorrichtung und die befördert den Plastikmüll per Knopfdruck in die Ladewanne. Von dort aus fördert – und verdichtet – ein Mechanismus den Abfall in den Sammelbehälter des Lkws. Danach vermerkt Dejan die abgeholte Menge und es geht weiter. „Normalerweise hab’ ich meinen Aufleger dabei, dann muss ich nicht alles allein machen. Aber der muss heute Vormittag woanders einspringen“, erzählt Dejan. Der Aufleger ist die zweite Person der Besatzung eines Müllfahrzeugs. Er sitzt normalerweise am Beifahrersitz oder steht auf einer Plattform am Heck des Lkw. Je nachdem ob man innerstädtisch unterwegs ist oder nicht. Der Aufleger holt die Mülltonnen und hängt sie am Fahrzeug ein, wenn es Stopps mit wenigen Stück sind. „Wenn es viele sind, machen wir das gemeinsam. Wir sind ein fixes Team“, sagt Dejan. Am Nachmittag steht solch ein Stopp mit vielen zu leerenden Tonnen an. „Um die 250 werden es sein.“

 
 

So wird klar, dass Dejan einen Beruf hat, der sowohl den Kopf als auch den Körper fordert. Das gefällt ihm auch an seiner Beschäftigung. Aber die vielen Stunden hinter dem Steuer des Lkws sind nicht zu unterschätzen. Darum sind Lenkzeiten in Österreich auch klar geregelt: Neun Stunden pro Tag und zweimal die Woche sind zehn Stunden an einem Tag erlaubt. Auch die Lenkpausen werden genau eingehalten. Nach viereinhalb Stunden muss die erste und mindestens 15 Minuten lange Pause gemacht werden. Insgesamt sind 45 Minuten vorgesehen. Während dieser Zeit dürfen auch keine anderen Arbeiten verrichtet werden. „In den Pausen esse und trinke ich etwas, damit ich wieder Kraft habe“, erzählt Dejan. Die braucht er auch, denn die gefüllten Mülltonen wiegen zwischen 160 und 280 Kilogramm – je nach Fraktion. Plastik und Papier sind verhältnismäßig leicht, Rest- und Biomüll – aufgrund der hohen Dichte – schwerer. Am Vormittag haben wir knapp zwei Tonnen Plastikmüll bei Supermärkten und Fast-Food-Restaurants eingesammelt. Die entladen wir am zweiten Standort der Nemetz Entsorgung und Transport AG im niederösterreichischen Himberg. Denn am Nachmittag wird Restmüll abgeholt. Aber davor machen wir Pause. Da es noch immer regnet, essen wir im Fahrerhaus und Dejan erzählt währenddessen, was ihm an seinem Beruf sonst noch gefällt: „Jeder Tag ist anders, auch wenn sich die Touren wiederholen.“ Besonders die Winterzeit kann herausfordernd sein: die schwierigen Straßenverhältnisse, das ständige Ein- und Aussteigen samt Temperaturwechsel und Rutschgefahr und die vielen unachtsamen Autofahrer*innen. Das Fahren an sich macht ihn nach all den Jahren noch immer viel Spaß. Vor und nach der Arbeit hat Dejan auch noch eine gut 25-minütige An- und Abfahrt zu bewältigen. Denn er wohnt in Göttlesbrunn im Bezirk Bruck an der Leitha. „Ich mag das einfach“, sagt er und lacht dabei, „nur Fernfahrer möchte ich keiner sein.“ Auf meine fast schon überraschte Nachfrage, warum das so ist, antwortet Dejan: „Zuhause schlafen ist das Wichtigste.“ Doch bevor es so weit ist, schnallen wir uns wieder an und fahren zur nächsten Abholung.

 
Erschienen in der dritten Ausgabe von „Wir erzählen nur Müll“ im März 2025.
Text: buero balanka
Foto: Ian Ehm
 
Weiter
Weiter

Die Menschen der Arbeit